Die Stadtverordnetenversammlung der Stadt

Offenbach am Main

2001 - 2006

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Drucksachen-Abteilung I (A)                                                          Ausgegeben am 11.09.2003

                                                                                                          Eing. Dat. 11.09.2003

 

Nr. 528/1/1

 

Straßenbezeichnungen im Bereich des Baugebietes „Waldheim-Süd“
Ergänzungsantrag CDU vom 11.09.2003, DS I (A) 528/1/1

Die Stadtverordnetenversammlung wolle beschließen:

Die genannte Vorlage wird wie nachstehend ergänzt:

„Die Straßen-Nummer: 927 (Kastanienstraße) wird im nördlichen Bereich bis zur 160°-Kehre „Pfarrer-Karl-Reiß-Straße“ benamt.


Begründung:

Pfarrer Dr. Karl Reiß war der Begründer der Katholischen Pfarrei Heilig Kreuz in Offenbach-Waldheim. Von 1955 bis zu seinem Tode 1985 leitete er eine Pfarrei, deren Gemeindegebiet den ehemaligen sozialen Brennpunkt „Lohwald“ umfasste. Hier betreute Pfarrer Dr. Karl Reiß eine Bevölkerungsgruppe, die gemeinhin als asozial eingestuft wurde. In den 30 Jahren seiner Tätigkeit als Pfarrer von Heilig Kreuz bemühte sich Pfarrer Dr. Karl Reiß seelsorgerisch und sozial um die Menschen im Lohwaldgebiet und hat sich hierbei große Verdienste erworben.

 

Der Pfarrer von Heilig Kreuz war oftmals Anlaufstelle für Menschen in Not und konnte oftmals weiterhelfen, wo die üblichen sozialen Sicherungssysteme nicht mehr zuständig waren. Trotz seines starken Engagements für Sozialschwache war er kein „Armenpfarrer“. Der akademisch hoch gebildete Priester, der am 20.09.1910 in Altzedlitz/Sudetenland geboren wurde, war vor seiner Vertreibung Kaplan am Bischöflichen Ordinariat in Prag und anschließend Kaplan in der Offenbacher Pfarrei „Sankt Marien“. Von der Pfarrei aus betrieb Dr. Karl Reiß die Gründung der neuen Pfarrei Heilig Kreuz.

 

Aufgrund seiner eigenen Vertreibung aus dem Sudetenland kannte Pfarrer Dr. Karl Reiß das Schicksal von Millionen Heimatvertriebenen nach dem 2. Weltkrieg. Sein seelsorgerisches Engagement galt auch diesen heimatlos und entwurzelten Menschen. Der Mainzer Bischof ernannte Dr. Karl Reiß zum Vertriebenenseelsorger der Diözese. Dieses Amt hatte Dr. Karl Reiß bis zu seinem Tode inne. Für seine Verdienste in der Seelsorge für sozialschwache Menschen und Vertriebene wurde Dr. Karl Reiß zum Prälaten und Apostolischen Protonotar ernannt. Das heute noch alljährlich stattfindende „Sankt Anna-Fest“ in der Pfarrei Heilig Kreuz zeugt vom ehemaligen Engagement des hoch geschätzten Priesters.

 

Dr. Karl Reiß war ein charismatischer Mensch. Dies war auch der Grund für die starke Anziehung auf gläubige und nicht gläubige Menschen. Nicht nur seine Gemeindemitglieder verehrten ihn, sondern auch viele Menschen, denen er in seinem Leben begegnet war. Er ließ niemals zu, dass ein Mensch, der zu ihm kam, enttäuscht und hoffnungslos fortging. Viele Gemeindemitglieder und auch Offenbacher Bürgerinnen und Bürger erinnern sich noch an ihn mit Freude und Hochachtung, und vielen Eltern klingt noch seine Frage in den Ohren: „Haben Sie Ihren Kindern heute schon gesagt, dass Sie sie lieben?“

 

Pfarrer Dr. Karl Reiß, der am 17. April 1985 starb, und in der Pfarrkirche von Heilig Kreuz begraben ist, hat es verdient, in dem neu zu errichtenden Baugebiet „Waldheim-Süd“ durch eine Straßenbenennung nach ihm geehrt zu werden, besonders in jenem Gebiet, das zu seinem seelsorgerischen Bereich gehörte und in dem er als Wohltäter gewirkt hat. Durch die Benennung eines Teiles der als Kastanienstraße vorgesehenen Straße in „Pfarrer-Karl-Reiß-Straße“ wird auch nicht die Namenssystematik des neu zu errichtenden Baugebietes zerstört.