Die Stadtverordnetenversammlung der Stadt

Offenbach am Main

2016 - 2021

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2016-21/DS-I(A)0810                                                         Ausgegeben am 20.07.2020

                                                                                               Eing. Dat. 16.07.2020

 

 

 

 

 

AG Straßenbenennung:

Ergänzung der Vorschlagsliste zur Straßenbenennung und alternative Ehrungen

Antrag Stadtverordnetenvorsteher vom 16.07.2020

 

 

Die Stadtverordnetenversammlung möge beschließen,

 

Frau Elisabethe Lutz,

Frau Therese Peine,

Frau Elisabeth Crönlein

und Frau Erna Meinusch

 

auf die Vorschlagsliste zur Straßenbenennung und alternative Ehrungen aufzunehmen.

 

 

Begründung:

 

Omnipräsente Arbeitsstellen-Vermittlerin und bekannt in allen Gesellschaftskreisen
Elisabethe Lutz, geb. Braun; geb. 09.02.1813, gest. 08.02.1900 in Offenbach

 

Elisabethe Lutz war eine Autorität besonderer Art in Offenbach. Über 50 Jahre hinweg vermittelte sie als städtische Vermietfrau junge Mädchen aus Stadt und Umland in Dienstbotinnen-Stellungen– und achtete darauf, dass ihre Schützlinge nicht in ausbeuterische oder fragwürdige Verhältnisse gerieten. Diese Tätigkeit machte Lutz über die Offenbacher Stadtgrenzen hinaus bekannt. Keine andere Frau war im 19. Jahrhundert häufiger mit Anzeigen in der bürgerlichen Tageszeitung präsent. Aus bescheidenen Verhältnissen kommend, ergriff sie 1844 die Chance auf eine bessere Existenz als Verdingerin für Dienstboten im städtischen Auftrag, aber auf selbständiger Basis. Bei der Vermittlung der Arbeitsstellen zeigte sie psychologisches Feingefühl, wirtschaftliches Know-How und einen „rechtschaffenden Charakter“, wie es in einem kurzen Nachruf in der Offenbacher Zeitung auf „die alte Lutzen“ heißt.

 

Zahlenversiert und zuverlässig, Rebellin und Genossin, Kämpferin für Arbeiterinnen

Therese Peine, geb. Deckelbach, geb. 12.06.1852, Gedern, gest. 24.04.1932 in Offenbach

 

Therese Peine und ihr Mann Gottlieb wurden ein Vorzeigepaar im Dienste der Sozialdemokratischen Partei in Offenbach, wenn auch ohne eigene Führungsambitionen. Zahlenversiert und zuverlässig kümmerte sich das Paar um die Beitragszahlungen der Parteimitglieder, den „Arbeitergroschen“. Doch politisch aktiv werden konnten Frauen zu dieser Zeit nur unsichtbar – oder in Positionen, wo es vordergründig um unpolitische soziale Ziele ging. In den Jahren der Sozialistengesetze 1878-90 verteilte Therese Peine illegal verbotene linke Zeitungen unter Genossen, versteckte die intensiv von der Polizei gesuchte Fahne der Sozialdemokratischen Partei. Nachdem die „Central-Kranken- und Sterbekasse der Frauen und Mädchen“, eine Versicherung für weibliche Berufstätige – ein Novum, etablierter wurde, wurde Therese Peine im Vorstand die Kassiererin der Versicherung. Diese Aufgabe wurde zur Lebensaufgabe für die Wahl-Offenbacherin: Der Weltkrieg, die Inflation, die Weltwirtschaftskrise leerten die Guthaben der Krankenkasse mehrfach – Peine stellte sich wieder und wieder der Sanierung der Finanzen, um das Vertrauen der zahlreichen versicherten Frauen nicht zu enttäuschen. Zeitlebens blieb sie Genossin aus Überzeugung, 1914 gehörte sie zu den ersten Frauen, die als Beraterinnen in sozialen Fragen in die erweiterten Ausschüsse der Stadtverordnetenversammlung gewählt wurden. In den 1920er Jahren baute sie die Arbeiterwohlfahrt mit auf.

 

Im ständigen Einsatz für die Mitmenschen – von jung bis alt

Elisabeth Crönlein, Geb. 30.08.1896, gest. 1990 in Offenbach

 

 

Elisabeth Crönlein, genannt Lisbeth, war eine stets helfende Offenbacherin. Früh und engagiert widmete sie sich der Jugendarbeit, wo sie Kindern und Jugendlichen Spiel, Tanz, Wanderungen und Demokratie beibrachte. Die Nazis unterbrachen ihre ehrenamtliche Tätigkeit brutal. Doch sofort nach Kriegsende widmete sie sich wieder der Jugendarbeit und baute die Organisation „Die Falken“ entscheidend mit auf. Sie wirkte bei den Schulspeisungen der Nachkriegszeit mit, verschaffte unternernährten Kindern Erholungskuren und veranstaltete Ferienspiele im Heinbachtal. Nach dem Tod ihres geliebten Mannes wandte sich „Tante Lisbeth“ den Seniorinnen und Senioren Offenbachs zu. Sie begründete die Offenbacher Betreuungsgesellschaft mit und half in der Altentagesstätte Bürgel. Ältere Menschen auf Wohnungssuche oder bei Krankheit unterstützte sie mit Rat und Tat. Für die Seniorinnen und Senioren initiierte sie Tanz, Gesang und Gesprächskreise – wobei sie viel Wert auf politische und soziale Themen legte. Die Stadt Offenbach ehrte ihren steten Einsatz für ihre Mitmenschen mit der Bürgermedaille in Silber und dem Ferdinand-Kallab-Preis. Auch das Bundesverdienstkreuz am Bande wurde ihr verliehen. Ihre Schützlinge ehren sie noch heute in alljährlichen Treffen.

 

Mehr als Sport: Körperbildung und Gesundheit wider die Lehrmeinung

Erna Meinusch, Geb. 27.06.1905 Sagan, Schlesien, gest. 26.11.1993 Offenbach

 

 

Eva Meinusch, gebürtige Schlesierin, machte 1927 Offenbach zu ihrer Wahlheimat – und brachte ihre Freude an der Bewegung mit in die Stadt am Main. Sie gründete eine private Gymnastikschule, absolvierte zusätzliche Ausbildungen für orthopädisches Turnen und Krankengymnastik, als Sportlehrerin und für Massagetechniken. Diese umfangreichen Weiterbildungen neben dem Beruf konnte Meinusch nur mit größter Härte sich selbst gegenüber ermöglichen. Sie entwickelte gymnastische Übungen für Körperbehinderte und warb für die Notwendigkeit orthopädischen Turnens für Kinder, die nicht am Schulturnunterricht teilnehmen konnten. Sie behandelte vor allem Kinder mit Haltungsschäden durch sportliche Gymnastik und Massagen und brachte berufstätige Frauen in Bewegung. Später entwickelte sie mit Ärzten und Ärztinnen Gymnastikkurse speziell für Schwangere – ein Novum, mit dem sie sich gegen die damals vorherrschende Lehrmeinung wandte, Schwangere hätten sich körperlich zu schonen. Mit ganzem Körper- und Geisteinsatz bildete sie die Körper ihrer Gymnastik-Schülerinnen und –Schüler, stärkte sie körperlich und seelisch. Sie gründete eine Stiftung, aus deren Ertrag sie nach ihrem Ableben zunächst ihr Pferd versorgen, später gemeinnützigen Einrichtungen wie das Theresien-Kinder- und Jugendheim oder die Behindertenhilfe in Stadt und Kreis Offenbach unterstützen ließ.