Die Stadtverordnetenversammlung der Stadt

Offenbach am Main

2016 - 2021

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2016-21/DS-I(A)0454                                                         Ausgegeben am 02.08.2018

                                                                                               Eing. Dat. 02.08.2018

 

 

 

 

 

Ganztägige Öffnung der Fußgängerzone für den Radverkehr

hier: Grundsatzbeschluss

Antrag Magistratsvorlage Nr. 2018-271 (Dez. IV, Amt 60) vom 01.08.2018

 

 

Der Magistrat beantragt, dass die Stadtverordnetenversammlung wie folgt beschließt:

 

1.     Der von der Fachhochschule Erfurt (FHE), Altonaer Str. 25, 99085 Erfurt, erstellte Evaluationsbericht wird zur Kenntnis genommen.

 

2.     Der Weiterführung des Pilotversuchs der ganztägigen Öffnung der Fußgängerzone für den Radverkehr wird zugestimmt.

 

Nachrichtlich: Über Punkt 1 des Antrags erfolgt keine Abstimmung, da es sich um eine Kenntnisnahme handelt.

 

 

Begründung:

 

Das Radfahren in der Offenbacher Fußgängerzone wird bereits seit deren Einrichtung in den neunziger Jahren kontrovers diskutiert. Es ließen sich jedoch bisher im Vorfeld weder die positiven Erwartungen, noch die Befürchtungen einer ganztägigen Freigabe für den Radverkehr ausreichend quantitativ prognostizieren.

 

Aus diesem Grund hat die Stadt Offenbach am Main beschlossen, an einer unab-hängigen Evaluierung im Zuge des vom Bundesministerium für Verkehr und Infra-struktur geförderten Forschungsprojekts „Mit dem Rad zum Einkauf in die Innenstadt – Konflikte und Potenziale bei der Öffnung von Fußgängerzonen für den Radverkehr“ teilzunehmen. Zentraler Bestandteil dieser Evaluierung stellt ein wissenschaftlich begleiteter Verkehrsversuch dar.

 

Hierzu nahm die Fachhochschule Erfurt, die diese Untersuchung durchführte, im Mai 2016 eine Befragung von Kunden und Passanten mit und ohne Fahrrad sowie eine Verkehrsbeobachtung und Unfallauswertung vor. Der wissenschaftlich begleitete Verkehrsversuch einer ganztägigen Öffnung der Fußgängerzone für den Radverkehr startete daraufhin am 31.05.2016 für die geplante Mindestdauer von einem Jahr. Während dieser Testphase wurde ergänzend eine Informationskampagne durchgeführt, welche die Verkehrsteilnehmer über das richtige Verhalten aufklärte. Gegen Ende der Testphase erfolgten im Mai 2017 eine Vergleichsbefragung, Verkehrsbeobachtung und Unfallauswertung. Die gesammelten Daten und Beobachtungen wurden analysiert und die Situation vor und nach der ganztägigen Freigabe in einem Abschlussbericht vergleichend gegenübergestellt und bewertet.

 

Der Vergleich der Situation nach einem Jahr Verkehrsversuch mit dem Ausgangszu-stand zeigt Folgendes:

 

Die jährliche Besuchshäufigkeit hat sich nicht nur insgesamt, sondern auch bei Senio-ren und mobilitätseingeschränkten Personen erhöht, so dass nicht von einer Verdräng-ung dieser Personengruppen ausgegangen wird.

 

Insbesondere hat sich die Aufenthaltsqualität allgemein positiv entwickelt, die Befragten fühlen sich sicherer, wohler und entspannter. Diese Tendenz wird durch das insgesamt gesunkene Gefühl der Gefährdung oder Belästigung durch Radfahrer in der Fußgänger-zone bekräftigt. Auch wünschen sich weniger Fußgänger eine Einschränkung des Radfahrens in der Fußgängerzone. Eine Verdrängung zu Fuß gehender Kunden durch Radfahrer konnte nicht festgestellt werden.    

 

Die bereits vor der ganztägigen Öffnung auch innerhalb der Sperrzeiten hohe Anzahl von Rad Fahrenden hat sich durchschnittlich um ein Drittel erhöht. Zudem ist der Anteil der schiebenden Rad Fahrenden entsprechend zurückgegangen. Die durchschnittlich wie auch die maximal gefahrenen Geschwindigkeiten der Rad Fahrenden haben sich während der ganztägigen Öffnung nicht erhöht, wobei sich die Interaktionsabstände zwischen den Rad Fahrenden und den zu Fuß Gehenden sogar positiv entwickelt haben. Weiterhin hat sich das messbare Reaktionsverhalten der Rad Fahrenden zu einem umsichtigeren Verhalten hin entwickelt. Auch die absoluten Zahlen lassen keine Zunahme des konfliktbehafteten Verhaltens zwischen zu Fuß Gehenden und Rad Fahrenden erkennen.  

  

Als ein weiteres maßgebendes Kriterium wurden ergänzend die Unfallzahlen innerhalb der Fußgängerzone in den letzten fünf Jahren betrachtet. Zwischen Rad Fahrenden und zu Fuß Gehenden wurden in diesem Zeitraum lediglich drei Unfälle vermerkt, was unterhalb einer statistisch bewertbaren Schwelle liegt. Zwei der Unfälle fanden vor der Testphase und beide innerhalb der Sperrzeiten statt. Der dritte Unfall ereignete sich während des Verkehrsversuchs. Bei genauerer Betrachtung ließ sich jedoch kein Anhaltspunkt für ein erhöhtes Unfallrisiko feststellen.

 

Nach der von der Fachhochschule Erfurt durchgeführten unabhängigen Untersuchung gibt es keine Anhaltspunkte dafür, dass eine ganztägige Öffnung der Offenbacher Fußgängerzone für den Radverkehr die dortige Situation gegenüber dem Ausgangs-zustand negativ verändert. In einigen Bereichen wie der Erreichbarkeit, der Aufenthalts-qualität und dem Fahrverhalten der Rad Fahrenden zeichnen sich sogar Verbesser-ungen ab.

 

Es wird jetzt vorgeschlagen den Pilotversuch der ganztägigen Öffnung der Fußgängerzone für den Radverkehr zu verlängern, bis die weitere Entwicklung des Marktplatzumbaus geklärt ist. Eine Neubewertung der Gegebenheiten sollte deshalb zu einem späteren Zeitpunkt erfolgen.

 

Im Büro der ehrenamtlichen Magistratsmitglieder und anschließend im Büro der Stadtverordnetenversammlung liegt der vollständige Evaluationsbericht der Fachhochschule Erfurt zur Einsichtnahme aus.