Die Stadtverordnetenversammlung der Stadt
Offenbach am Main
2021 - 2026
2021-26/DS-II(A)0072Ausgegeben am 28.11.2024
Eing. Dat. 21.11.2024
Stadttaubenmanagement in Offenbach
hier: Beschluss der Stadtverordnetenversammlung vom 20.07.2023*,
2021-26/DS-I(A)0539
dazu: Magistratsvorlage Nr. 2024-414 (Dez. IV, (Stabstelle „Sauberes Offenbach“) vom 20.11.2024
Die Stadtverordnetenversammlung hat am 20.07.2024 folgenden Beschluss gefasst:
Der Magistrat wird beauftragt zu prüfen, ob es sinnvoll ist ein Stadttaubenmanagement z.B. nach dem Augsburger Modell für das gesamte Offenbacher Stadtgebiet zu entwickeln. Hierzu ist die Erfahrung und die Expertise des Stadttaubenprojekt Frankfurt e.V. (Ortsgruppe Offenbach) hinzuzuziehen.
* redaktionell geändert
Zur Ausführung des Beschlusses der Stadtverordnetenversammlung berichtet der Magistrat wie folgt:
Die Frage, ob die Einführung eines Stadttaubenmanagements sinnvoll sein könnte, kann nicht mit einem klaren „ja“ oder „nein“ beantwortet werden. Es handelt sich im Ergebnis um eine Kostenfrage in Bezug auf den Nutzen, den ein Stadttaubenmanagement mit sich bringen kann, wobei zu berücksichtigen ist, dass ein eventuell möglicher, punktueller Erfolg lediglich an bestimmten Hotspots erreichbar wäre. Auch dieser ist davon abhängig, dass das Nahrungsangebot im öffentlichen Raum der betroffenen Bereiche reduziert werden kann. Ein stadtweites Taubenmanagement zur nennenswerten Reduzierung der Population insgesamt ist realistisch weder umsetzbar noch erfolgversprechend. Folgendes ist hierbei zu berücksichtigen:
1. Erfahrungen aus anderen Städten:
Die Stadt Basel gilt als Vorreiterin in Bezug auf das Thema Stadttaubenmanagement, das durch Städte in Deutschland nach und nach adaptiert wurde. 1988 wurden in Basel erste Taubenhäuser errichtet. Gleichzeitig wurde eine große Aufklärungskampagne gestartet und darin erklärt, aus welchen Gründen Tauben nicht gefüttert werden sollen (u.a. Anstieg der Taubenpopulation, Krankheiten bei den Tauben, Verunreinigungen durch Kot). In den ersten 4 Jahren wurde eine geschätzte Reduzierung der Population von rund 20.000 auf 10.000 Exemplare registriert. Danach gab es keinen merklichen Rückgang mehr. Insbesondere wurde kein Zusammenhang zwischen der Population und dem Aufstellen weiterer Taubenhäuser festgestellt. Bis Ende 2019 betreute die Stadt Basel 13 Taubenhäuser. Im Jahr 2019 erließ die Stadt ein Taubenfütterungsverbot und schloss gleichzeitig zum Januar 2020 alle Taubenhäuser. Unter anderem wurde argumentiert, dass der Unterhalt der Taubenhäuser teuer sei, der Nutzen jedoch begrenzt.
Die Stadt Augsburg, die in Deutschland als eine der Vorreiterinnen im Bereich Stadttaubenmanagement gilt, sammelte 1995 erste Erfahrungen mit Taubenhäusern. Derzeit werden 12 Taubenschläge vom dortigen Tierschutzverein betreut. Laut Aussage des dortigen Veterinäramtes gibt es keine belastbaren Zahlen über den Erfolg des Stadttaubenprojektes, da es nicht möglich sei, die Population verlässlich zu zählen. Die Zahl der ausgetauschten Eier ist seit dem Jahr 2005 etwa gleichbleibend (zw. 5.500 – 6.500). Es besteht der Eindruck, dass durch die Taubenschläge gesunde Taubenpopulationen entstanden sind, da sie entsprechend hochwertiges Futtermittel erhalten. Es gibt jedoch weiterhin Tauben und Taubenhotspots im Stadtgebiet.
Die Nachbarstädte Frankfurt und Hanau betreuen aktuell ein, bzw. zwei Taubenhäuser. Auf dieser geringen Grundlage ist keine kausale Betrachtung über die Entwicklung der Population in der Stadt möglich. Zudem gibt es in zahlreichen anderen Kommunen betreute Taubenhäuser.
2. Wie ist die Lage in Offenbach?
Im Jahr 2008 fand die letzte Zählung der Taubenpopulation in Offenbach statt. Der Erfassungsbezirk erstreckte sich vom Main im Norden bis zum Stadtkrankenhaus im Süden und von der Ludwigstraße im Westen bis zur Arthur-Zitscher-Straße im Osten. Insgesamt wurden in diesem Gebiet 670 Stadttauben gezählt. Nach Einschätzung des Ordnungsamtes, der Stabsstelle „Sauberes Offenbach“, des Stadtservice und des Offenbacher Quartiersmanagements ist in den letzten Jahren kein merklicher Anstieg der Taubenpopulation in Offenbach zu verzeichnen. Sie bewegt sich auf einem, auf das gesamte Stadtgebiet bezogen, gleichbleibenden Niveau.
Das Stadtgesundheitsamt dokumentierte im Zeitraum 1999-2023 insgesamt 90 Fälle, in denen eine mögliche Gesundheitsgefahr geprüft, jedoch in allen Fällen ausgeschlossen wurde. Beim städtischen Ordnungsamt gehen nur wenige Meldungen in Bezug auf Probleme mit Tauben ein. Im Zeitraum 2021 – 2023 wurden insgesamt 4 Beschwerden zur Prüfung einer Gesundheitsgefahr und gegebenenfalls Einleitung weiterer Maßnahmen an das Stadtgesundheitsamt weitergegeben.
Hotspots mit mehr als 10 Exemplaren gibt es unter anderem an folgenden Orten:
- Wilhelmsplatz
- Mathildenplatz
- Aliceplatz
- Bahnunterführung Bieberer Straße
- Rund um den Abgang zur S-Bahnhaltestelle Marktplatz
- Rolandpark
- Goetheplatz
- Mainvorgelände im Bereich des Mainuferparkplatzes
Dies sind alles Bereiche in denen es auch regelmäßig zu Fütterungen durch Bürgerinnen und Bürger kommt.
3. Welche Herausforderungen sind bei der Umsetzung eines Stadttaubenmanagements zu berücksichtigen?
Um ein Stadttaubenmanagement erfolgreich implementieren zu können, müssen geeignete Orte (Freiflächen, leere Dachstühle) gefunden werden, auf denen Taubenhäuser errichtet werden, bzw. die zu Taubenhäusern umgebaut werden können. Die größte Herausforderung besteht hierbei darin, dass aufgrund der Standorttreue der Tauben nur Flächen in der näheren Umgebung der Hotspots in Frage kommen.
Ein weiteres Problem stellt die Fütterung der Tauben durch Bürgerinnen und Bürger der Stadt dar. Dies kann verhindern, dass sich die Tiere in den Taubenhäusern dauerhaft einnisten. Die Umfrage „Erfahrungen mit Stadttaubenprojekten nach dem ‚Augsburger Modell‘ und Praxisbeispiele“ des Bundesverbandes der Tierversuchsgegner e.V. aus dem Jahr 2021 führt an, dass innerhalb eines Umkreises von rund 300 m um einen Taubenschlag herum sämtliche Futterquellen beseitigt sein müssen, da dies ansonsten den Erfolg der Maßnahme gefährden könne.
Die Stadt müsse weiterhin das Umfeld konsequent auf wilde Brutplätze kontrollieren sowie diese fachgerecht auflösen, falls ein langfristiger Eiertausch nicht möglich sei.
Weiterhin sollten offenstehende Dachstühle oder andere Brutmöglichkeiten verschlossen werden, um wilde Brutplätze zu vermeiden. Letzteres ist jedoch insbesondere dann problematisch, wenn es sich um private Liegenschaften handelt und sich die Eigentümerschaft nicht kooperativ zeigt.
Als herausfordernd wird zudem die Betreuung der Taubenhäuser ausschließlich durch ehrenamtlich Mitarbeitende gesehen. Die Taubenschläge können nur dann funktionieren, wenn gewährleistet ist, dass stets ausreichend Personal vorhanden ist, welches sich um die Betreuung kümmert. Frisch gelegte Eier müssen spätestens zum 5. Bebrütungstag ausgetauscht, der Taubenschlag mindestens einmal wöchentlich gereinigt sowie mehrmals wöchentlich artgerechtes Futter nachgefüllt werden, damit die Tiere nicht auf Nahrungssuche außerhalb des Taubenschlags gehen und sich gegebenenfalls dort einen neuen Nistplatz suchen. Bei der ausschließlichen Zusammenarbeit mit Ehrenamtlichen ist diese Regelmäßigkeit nicht immer gewährleistet. Die Ortsgruppe Offenbach des Stadttaubenprojektes Frankfurt e.V. gibt hierzu an, dass sie ein Stadttaubenmanagement gerne mit ihrem Fachwissen unterstützen werde, jedoch nicht die Betreuung der Taubenhäuser übernehmen könne. Die zuverlässige Betreuung von Taubenschlägen funktioniert am besten mit eigenen Mitarbeitenden oder Honorarkräften, die nach festgelegten Dienstplänen arbeiten und für Ihre Tätigkeit angemessen entlohnt werden.
4. Mit welchen Kosten wäre zu rechnen auf Grundlage eines Stadttaubenmanagements nach dem „Augsburger Modell“
Aus der oben genannten Umfrage ergeben sich einmalige Kosten zur Errichtung eines Taubenhauses in Höhe von durchschnittlich 28.000 €. Die Kostenspanne liegt zwischen 6.000 € für den Umbau eines Dachstuhls bis zu rund 80.000 € für den Bau eines alleinstehenden Taubenhauses.
Die monatlichen Unterhaltskosten, inklusive Personalkosten, lagen im Jahr 2021 bei rund 500 € – 600 € pro Taubenhaus. Tendenziell dürften die Kosten inflationsbedingt angestiegen sein.
5. Welche Auswirkungen auf die Taubenpopulation sind bei einem Stadttaubenmanagement zu erwarten?
Aus den Ergebnissen der Umfrage aus dem Jahr 2021 sowie Gesprächen mit den Kommunen Hanau, Frankfurt und Augsburg lassen sich folgende Auswirkungen eines Stadttaubenmanagements nach dem Augsburger Modell feststellen:
- In allen Kommunen konnte erreicht werden, dass die Taubenhäuser angenommen wurden. So siedelten sich dort nach einer gewissen Vorlaufzeit nach und nach Brutpaare an, die zuvor im öffentlichen Raum lebten. Gleichzeitig sind im näheren und weiteren Umfeld der Taubenhäuser weiterhin Brutpaare im öffentlichen Raum zu verzeichnen, die nicht in die Taubenhäuser umgesiedelt werden konnten.
- Es besteht die übereinstimmende Auffassung, dass aufgrund der artgerechten Fütterung der Tauben in den Taubenschlägen sowie der regelmäßigen Beseitigung des Taubenkots die dort ansässigen Tauben bei besserer Gesundheit sind, als diejenigen, die „auf der Straße“ leben.
- Valide Zahlen, inwieweit sich die Gesamtpopulation in den Städten, die Taubenhäuser betreuen, verändert hat, sind nicht bekannt. In der Regel handelt es sich um Schätzungen, die jedoch nicht objektiv überprüfbar sind. Der Erfolg der Maßnahmen wird häufig anhand der Anzahl ausgetauschter Eier sowie der Menge des aus den Taubenhäusern stammenden Kots festgemacht. Diese Zahlen sind jedoch wenig aussagekräftig in Bezug auf die Entwicklung der Taubenpopulation im gesamten Stadtgebiet, da sie lediglich die Situation in den einzelnen Taubenhäusern abbilden.
Fazit:
Gut betreute Taubenhäuser können bei entsprechenden Rahmenbedingungen dazu beitragen, dass Hotspots entschärft werden und sich dadurch weniger Tauben um die Hotspots herum im öffentlichen Raum aufhalten. Tauben, die in betreuten Schlägen leben, sind in der Regel aufgrund der hygienischeren Zustände und des artgerechten Futters bei besserer Gesundheit als freilebende Exemplare. Somit ist es zumindest für diese Tiere tierschutzrechtlich gesehen sinnvoll, ein Stadttaubenmanagement einzuführen. Eine über Jahre konstante, weitere Reduzierung der Taubenpopulation im gesamten Stadtgebiet konnte in keiner der Städte, die ein Taubenmanagement nach dem Augsburger Modell eingerichtet haben, festgestellt werden. Von der Bevölkerung und den regionalen Medien werden Taubenhäuser jedoch in der Regel positiv wahrgenommen und positiv darüber berichtet.
Aus Sicht der Gefahrenabwehr zum Schutz der Bevölkerung ist ein Stadttaubenmanagement für die Stadt Offenbach nicht erforderlich, da die Beschwerdelage keine Notwendigkeit hierfür erkennen lässt und bislang keine Gesundheitsgefahr für die Bevölkerung nachgewiesen werden konnte.
Durch die Errichtung von Taubenhäusern entstehen einmalige sowie regelmäßige Kosten, die dauerhaft zu tragen sind. Derzeit sind mit jährlichen Fixkosten von
6.000 € - 7.000 € pro Taubenhaus zu rechnen. Falls an an allen 8 oben genannten Hotspots Taubenhäuser errichtet werden könnten, würden sich daraus jährliche Fixkosten in Höhe von 50.000 € bis 60.000 € ergeben. Die einmaligen Kosten für die Errichtung liegen zwischen 48.000 € (bei Umbau von Dachstühlen) bis zu 640.000 € für die Errichtung von professionellen Taubenhäusern, wie das Modell der Stadt Hanau am Kanaltorplatz.
Vor dem Hintergrund, dass realistisch nur ein Teil der Taubenpopulation – an den genannten Hotspots - von einem Stadttaubenmanagement profitieren kann, gilt es zu entscheiden, ob die Kosten als gerechtfertigt gesehen werden. Voraussetzung für eine Realisierung ist zudem, dass geeignete Orte für Taubenschläge im Bereich der Hotspots gefunden werden können, die Umsetzung organisatorisch dauerhaft betreut wird und die erforderlichen Kräfte zur Verfügung stehen.
Hinweis: Der Bericht wird den Stadtverordneten und Fraktionen elektronisch (PIO) zur Verfügung gestellt.
